KI-Strategie: Krankenhäuser stehen vor einem neuen Zeitalter

Wir alle kennen KI im Krankenhaus. Wenige aber erkennen schon jetzt, was das für die medizinische Versorgung, insbesondere in Krankenhäusern bedeuten könnte:  Nichts weniger als eine Revolution!

Nicht jeder ist sich dessen bewusst, aber wir haben schon mehrere disruptive Entwicklungssprünge im Gesundheitswesen erlebt: Die Entwicklung von Antibiotika als Medikament, die Erfindung automatisierter Laboranalysen und die Einführung der Computertomographie sind einige Beispiele. Ein großer Sprung war die Verbreitung von graphischen Informationssystemen (KIS).

All diese Entwicklungen veränderten die medizinisch Versorgung grundlegend, aber die Umsetzung dauerte Jahre und Jahrzehnte. Die handelnden Personen hatten Zeit, sich das anzueignen. Die jetzige KI-Welle wird mutmaßlich schneller gehen. Eine Revolution eben!

KI im Krankenhaus ist mehr als Kodierung

KI-gestützte Kodierung war vor ca. zehn Jahren eine der ersten KI-Anwendungen im Krankenhaus, die auch als „KI“ benannt wurden. Die Erwartungen waren hoch gesteckt und die Programme waren durchaus faszinierend. Das Ergebnis war in der Gesamtschau allerdings etwas ernüchternd. Vielleicht war die KI damals einfach noch nicht kräftig genug. Vor allem aber zeigte sich ein grundlegendes Problem: Die Qualität der Ergebnisse hängt unmittelbar davon ab, welche Informationen digital und maschinenlesbar vorliegen. Was das Programm nicht als maschinenlesbaren Daten vorfindet, kann es nicht auswerten.
Bis heute werden diese Anwendungen weiterentwickelt. Eine große Explosion auf der Angebotsseite ist allerdings ausgeblieben. Einige Anbieter teilen den Markt unter sich auf. Die Produkte sind durch die Bank noch verbesserungsfähig. Gerade bei den OP Berichten zeigt sich das sehr deutlich. Dabei ist die KI gestützte Kodierung nur der Anfang. Und genau hier wird es spannend.

Kodierung ist erst der Anfang

Mittlerweile drängen weitere KI-Anwendungen auf den Markt und die sind richtig vielversprechend! Ein alter Hase ist beispielsweise die Röntgenbefundung mit KI-Unterstützung: Erste echte KI-Produkte gab es schon 2012. Mittlerweile gibt es über Hundert zugelassene Anwendungen, zumindest in den USA, in Europa sind es weniger. Aber es gibt einen Haken: Genau wie die Kodierung ist Mustererkennung in Bildgebung ein isoliertes Produkt. Sie arbeitet auf sich gestellt und kommuniziert im Wesentlichen mit Radiologen.

Am Beispiel der Kodierung wird das Problem deutlich: Kodierung kann nur so gut sein, wie die Behandlungsdokumentation. Wäre es nicht viel besser, wenn Kodierung als Endprodukt einer KI-optimierten Dokumentation betrachtet würde? Kann man die Prozesse nicht viel weiter fassen, als die genannten Insellösungen?

Und so gibt es inzwischen ein lange Reihe möglicher Anwendungen. Manche existieren schon in Deutschland, manche werden wohl bald auftauchen:

  • Bilderkennung in der Pathologie.
  • Bilderkennung in der Endoskopie.
  • Bilderkennung für OP-Roboter ist in Entwicklung.
  • Chatbots, die mit einer natürlich klingenden menschlichen Stimme ans Telefon gehen und Termine vereinbaren.
  • „Ambient Listening“: Mitarbeitende haben ein Mikrophon und ein KI hört (Anamnese-)Gespräche mit, transkribiert sie und schlägt Diagnosen und Prozeduren vor.
  • Unterstützung bei der Triage in Rettungsleitstellen und Notaufnahmen.
  • Bewertung von Vitalfunktionen und Stoffwechselparametern auf Intensivstationen als Frühwarnsystem für sich anbahnende Sepsis,  Delir oder Schock.
  • Automatische Arztbriefschreibung
  • KI gestützte Dienstplangestaltung

Und das ist nur ein kleiner Griff  in die Truhe. Wenn man sich diese Möglichkeiten vor Augen führt, bekommt man tatsächlich ein Gefühl, wie ein sechsjähriges Kind an Heiligabend!

Aber genau hier liegt auch eine Gefahr. Wir können jetzt anfangen, einzelne dieser schönen neuen Spielzeuge zu kaufen. Oder wir können uns überlegen, wie unser Krankenhaus in Zukunft eigentlich funktionieren soll.

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Change

Natürlich sind Insellösungen für sich genommen schon ausgesprochen nützlich und versetzen uns nicht selten ins Staunen. Trotzdem tun wir gut daran, größer zu denken.  Wir stehen vor einem Sprung, der stark an die Einführung von graphischen KIS-Systemen in den 1990er Jahren erinnert.

Schon in den 1980er Jahren wurde die Krankenhaus-Abrechnung mit Computerprogrammen gemacht. Es war die Zeit des MS-DOS, Computermäuse mussten noch erfunden werden. Die Abrechnung erfolgte auf zwei Computern, größer war das Netzwerk nicht. Man trug VoKuHiLa-Frisuren und Dauerwelle. Viele Datensegmente, wie ANFM und MBEG stammen noch aus dieser Zeit.

Sie können sich vorstellen, was für ein Kraftakt es war, aus dieser Welt den Sprung in ein modernes KIS zu machen. Zunächst musste eine Netzwerkinfrastruktur durch das ganze Krankenhaus geschaffen werden. Dafür wurden kilometerweise Kabelkanäle mit Netzwerkkabeln verlegt. Meistens von der IT-Abteilung, die solche Arbeiten heutzutage vermutlich nicht mal mehr mit einer Pinzette anfassen würde.

Um das KIS zu implementieren, mussten nahezu alle Prozesse im Haus angefasst und oft drastisch umgestellt werden. Wir alle mussten uns der Software anpassen, nicht umgekehrt!

Bis sich alle mit den neuen Abläufen angefreundet hatten und die schlimmsten Softwarefehler umgangen oder sogar behoben waren, verging mindestens ein Jahr. Heute würde man diesen Prozess Change Management nennen. Damals musste dieses Buzzword erst noch erfunden werden.

Was aber wichtig zu wissen ist: Am Anfang funktionierte NICHTS! Ellenlange Aufgabenlisten und Fehlermeldungen mussten von IT und Projektteam abgearbeitet werden. Die Funktionalität war enttäuschend, das Arbeitstempo ernüchternd langsam und Abstürze waren häufig. Wer kannte nicht den rosa Schirm, den ORBIS hinterließ, wenn es mal wieder einen unerwarteten Tod gestorben war?

Allen Widrigkeiten zum Trotz waren die Vorteile einer integrierten KIS Software für die Abläufe im Krankenhaus so groß, dass heute wohl niemand ernsthaft in die frühere analoge Zettel- und Formularwelt zurück möchte.

Wir schimpfen über unser KIS, aber unser Schicksal ist besiegelt. Allerdings ist das Konzept KIS heute in die Jahre gekommen.

KIS als geschlossene Welt

Warum ist eine klassische KIS Struktur heute problematisch? Ein Erbe der Vergangenheit ist die Ausrichtung nach innen: Das KIS funktioniert im internen Krankenhaus-Netz als organisatorisches Zentrum. Das KIS besorgt die krankenhausweite Kommunikation nach festen Regeln. Die Nutzer erzeugen die Daten.

Das bedeutet auch: Daten und Programme außerhalb des Krankenhauses haben grundsätzlich keinen freien Zutritt. Natürlich gibt es inzwischen Lösungen für viele dieser Probleme. Trotzdem tun sich KIS Anbieter mit einer echten Öffnung nach außen noch immer schwer. Die Anbindung eines Fremdlabors ist beispielsweise möglich, wird aber teuer bezahlt. Daten aus den Praxissystemen der Zuweiser können bei uns nicht übernommen werden. Meistens bleibt nur der Umweg über gescannte Dokumente. Erinnert ein bisschen an Fax-Geräte, oder?

Auch die Einbindung der bereits erwähnten Kodiersoftware zeigt die Unbeweglichkeit vieler KIS Strukturen. In zahlreichen Fällen müssen Kodierfachkräfte die Vorschläge einer KI Anwendung am Ende wieder abtippen. Die 1990er Jahre lassen grüßen.

Eine Lösung dieses Problems wird jetzt versucht mit Patienten-Portalen. In den vergangenen Jahren wurden solche Portale in großem Stil ausgeschrieben, weil das den Krankenhäusern vom Gesetzgeber auferlegt wurde. Das Portal, oder eigentlich die dazu gehörige Interoperabilitätsplattform, soll eine neue Datenebene schaffen, die sich über das KIS legt. Damit kann beispielsweise  Kommunikation mit Patienten stattfinden, die noch gar nicht im Krankenhaus sind, deren Aufnahme aber geplant ist. Ebenso kann der Kontakt nach der Entlassung über eine solche Plattform fortgesetzt werden.

Das ist zwingend nötig, weil sich die Krankenhausbehandlung ständig weiterentwickelt und erneuert. Ein KIS-System, das sich strikt an Behandlungsfällen von Aufnahme bis Entlassung orientiert, bildet die Realität moderner Versorgung nur noch unvollständig ab. Fast Track Chirurgie ist dafür ein gutes Beispiel. Die Behandlung beginnt nicht erst mit der stationären Aufnahme und endet nicht mit der Entlassung. Das Informationssystem muss diesen Tatsachen folgen können. Es stellt sich die Frage, ob Updates, Patches und Hotfixes ausreichen können, um diese Neu-Ausrichtung mit den alten KIS-Programmen abzubilden.

KI-Strategie

KI-Systeme sind in den letzten zehn Jahren so viel leistungsfähiger geworden, dass sich ihr Einsatz im Krankenhaus förmlich aufdrängt. Nur: Wenige Krankenhäuser haben dafür bereits einen echten Plan. Stattdessen werden Anwendungen oft auf Betreiben einzelner Akteure eingekauft. Hier eine Anwendung für die Mammographie, dort eine Lösung für den Telefondienst in den Ambulanzen und ein Tool für die Anamnese-Dokumentation in der Notaufnahme.

Jede Anwendung kann für sich sehr sinnvoll sein. Das Problem entsteht in der Summe. Am Ende besteht die Gefahr eines (teuren!) Urwalds aus KI-Anwendungen, dem kein schlüssiges Gesamtkonzept zugrunde liegt. Anders als bei einem KIS oder einem Patientenportal kauft man KI nicht zwangsläufig als großes Gesamtpaket. Man kauft einzelne Anwendungen nacheinander. Das ist ein Nachteil und gleichzeitig ein Chance!

Jetzt können wir über die Architektur nachdenken, bevor die nächste Generation von Krankenhaussoftware in Betrieb ist und unsere Handlungsfreiheit für eine Neu-Ausrichtung einschränkt.

Krankenhaus der Zukunft

Was muss das Ziel sein?

Wir müssen Krankenhausprozesse so denken, dass wir Wochen vor der Aufnahme anfangen zu planen und der Prozess erst Wochen nach der Entlassung abgeschlossen wird. Die stationäre Behandlung wird zum Baustein eines größeren Versorgungspfades. Das KIS bleibt wichtig, aber dessen Grenzen werden überschritten.

Stichwort: Klinische Pfade. Eigentlich ein altes Konzept, das sich nie durchsetzen konnte. Sie werden jetzt dank Patientenportalen und KI ihre Renaissance erleben. Ambulante Behandlungsmöglichkeiten, bislang ein Stiefkind der KIS-Welt, müssen wesentlich stärker eingebunden werden. Das gilt besonders für MVZ.

Und hier kommt die KI ins Spiel.

Chatbots gehen ans Telefon. Plötzlich sind Ambulanzen rund um die Uhr ohne Warteschleife erreichbar und gleichzeitig wird das Personal entlastet. Die Termine müssen anschließend von der KI ins KIS eingetragen werden. Heute können das, aufgrund der Abschottung der Systeme, nur wenige Anbieter. Das wird sich aber ändern. Es gibt Anbieter, die sich auf den Austausch mit KIS-Programmen spezialisieren, ohne auf eine Kooperation des jeweiligen KIS-Anbieters angewiesen zu sein.

Wenn Moses nicht zum Berg kommt, kommt der Berg eben zu Moses.

Gespräche mit Patienten, aber auch über Patienten, beispielsweise Übergabe-Gespräche, können durch Ambient-Listening aufgezeichnet, transkribiert und zusammengefasst werden. Dadurch entfallen wesentliche Teile des heutigen Dokumentationsaufwand. Die Ergebnisse sind vollständiger und präziser als heute. Nach menschlicher Prüfung werden die Informationen von der KI in die entsprechenden Systeme übernommen.

Vollständige Dokumentation

Die zeitnahe Erstellung von OP-Berichten wird erheblich einfacher sein, wenn die KI bei der Formulierung unterstützt und gleichzeitig gezielt Aspekte abfragt, die für die Abrechnung relevant sind. Es ist sogar vorstellbar, dass der Operateur während der Operation an einem akuten Abdomen den Eingriff beschreibt. Dann wäre der Bericht fertig, bevor der Patient den Aufwachraum erreicht hat.

Parallel dazu schreitet die Automatisierung der Medizintechnik voran. Kurvenblätter, Beatmungsgeräte, Perfusorpumpen, Patientenmonitore und andere Systeme liefern ihre Daten zunehmend direkt an digitale Systeme. Auf diese Daten kann wiederum KI zugreifen und sie auf unterschiedliche Weise nutzen.

Jetzt fallen die Puzzleteile nach und nach an ihren Plätzen.

Am Ende der Behandlung verfügen die Krankenhäuser über eine wesentlich bessere Falldokumentation als heute. Mit diesen Daten kann eine KI einen Arztbrief entwerfen, der bei Entlassung präzise und vollständig formuliert zur ärztlichen Prüfung vorliegt. In der Folge ist die Kodierung in weiten Teilen automatisch und mit einer geringen Fehlerquote möglich. Die Übernahme der Kodes ins KIS übernimmt wieder die KI.

Rechnungsprüfungen der Kostenträger können dann auch überwiegend von einer KI beantwortet werden. Wenn es kompliziert wird, kommt ein KI-Expertensystem für Krankenhausleistungsrecht zum Einsatz.

Hier schließt sich der Kreis und offenbart sich die Revolution.

KI ist kein Spielzeug einzelner Disziplinen mehr, sondern ein integrativer Faktor, der den gesamten Prozess von der Aufnahmevorbereitung bis zum Abschluss der Nachsorge und Rechnungslegung begleitet und steuert. Außerdem unterstützt sie bei vielen Management-Aufgaben, wie OP-Plan- und Dienstplanerstellung sowie Planung, Erstellung und Bewertung von Berichten.

Was müssen wir tun?

Dieses Szenario sollte man sich vergegenwärtigen, wenn heute eine neue KI Anwendung angeschafft werden soll. Wenn man das Ziel kennt, kann man auch die richtigen Fragen stellen. Bauen wir gerade einen Baustein für die Zukunft oder kaufen wir uns eine weitere Insellösung?

Krankenhäuser können sich teure Fehler bei der KI-Strategie nicht leisten: Die finanzielle Lage ist bundesweit angespannt. Gleichzeitig bietet die Entwicklung eine überlebenswichtige Chance: Wenn man die Weichen richtig stellt, kann eine integrierte KI-Struktur in Kombination mit einem Patientenportal moderne Medizin und Ambulantisierung erst ermöglichen. Und gleichzeitig Kosten sparen.

Wie Medcontroller Krankenhäuser beim KI-Einsatz unterstützt

Medcontroller begleitet Krankenhäuser dabei, eine tragfähige KI Strategie zu entwickeln, Anwendungen sinnvoll einzuordnen und regulatorische Risiken zu vermeiden.

Unser Leistungsangebot umfasst insbesondere:

  • Erarbeitung einer KI-Strategie: Welche Ziele werden formuliert und wie sollen diese erreicht werden?
  • KI-Governance: Erstellen eines KI-Registers, Prüfung, welche Risikokategorie eingesetzte oder geplante KI-Tools nach EU AI Act haben und welche Compliance-Pflichten daraus entstehen.
  • KI-Beauftragter als externe Dienstleistung: Wir übernehmen die Funktion des KI Beauftragten als externe Dienstleistung mit einem klar definierten Leistungspaket. Dazu gehören unter anderem KI Inventar, Schulungsorganisation, Dokumentation und die Begleitung der erforderlichen Governance Prozesse.
  • Schulungen nach Art. 4 KI-Verordnung: Wir bieten Live Seminare und E Learning Module für Krankenhauspersonal an. Die Inhalte werden rollen und aufgabenbezogen vermittelt. Die Schulungen werden revisionssicher und auditfähig dokumentiert.

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