2003-D012a Mehrfachkodierung

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Änderungen der Ursprungsversion: 2010, 2007, 2006, 2005

Diese Version der Kodierrichtlinie ist die Ursprungsversion.


D012a Mehrfachkodierung

Anmerkung: Erläuterungen, die mit den entsprechenden Abschnitten aus dem Regelwerk für die WHOAusgabe der ICD-10 (Band II) identisch sind, sind am Ende mit „(WHO)“ gekennzeichnet.

Mehrfachkodierung ist in den folgenden Fällen erforderlich:

1. Ätiologie- und Manifestationsverschlüsselung: „Kreuz – Stern – System”
Schlüsselnummern für Ätiologie (zugrundeliegende Ursache) werden durch das Kreuz-Symbol (†) und Manifestations-Schlüsselnummern durch das Stern-Symbol (*) gekennzeichnet. Zu kodieren ist in derselben Reihenfolge, in der sie im Alphabetischen Verzeichnis oder ICD-10-SGB-V erscheinen, d.h. die Ätiologie-Schlüsselnummer, gefolgt von der Manifestations-Schlüsselnummer.

Beispiel 1

Diagnose: Epididymitis durch Gonokokken

Alphabet. Verz.:Epididymitis, Gonokokken – A54.2† N51.1*
ICD-10-SGB-V:A54.2†Pelviperitonitis durch Gonokokken und
Gonokokkeninfektionen sonstiger Urogenitalorgane
Gonokokken:
Epididymitis (N51.1*)
N51.1*Krankheiten des Hodens und des Nebenhodens bei
anderenorts klassifizierten Krankheiten
Gonokokken:
Epididymitis (A54.2†)

 

Rubriken, die Diagnosebezeichnungen mit einer Kreuz-Kennung enthalten, treten in unterschiedlichen Formen auf (WHO):

a)

Das Symbol (†) und die zugehörige Stern-Schlüsselnummer erscheinen beide in der Rubriküberschrift. Sämtliche in dieser Rubrik zu klassifizierenden Bezeichnungen unterliegen der Doppelklassifizierung und haben alle dieselbe Sternschlüsselnummer, z. B.:

 

Beispiel 2

A17.0†Tuberkulöse Meningitis (G01*)
Tuberkulöse Leptomeningitis
Tuberkulose der Meningen (zerebral) (spinal)

 

b)

In der Rubriküberschrift erscheint das Symbol (†), aber nicht die zugehörige Stern-Schlüsselnummer. Sämtliche in dieser Rubrik zu klassifizierenden Bezeichnungen unterliegen der Doppelklassifizierung, haben jedoch unterschiedliche Stern-Schlüsselnummern (die bei jeder Bezeichnung aufgeführt sind), z. B.:

 

Beispiel 3

A18.1†Tuberkulose des Urogenitalsystems
Tuberkulose:
  • Cervix uteri (N74.0*)
  • Harnblase (N33.0*)
  • männliche Genitalorgane (N51.-*)
  • Niere (N29.1*)
  • Ureter (N29.1*)

Tuberkulose im weiblichen Becken (N74.1*)

c)

In der Rubriküberschrift erscheinen weder das Symbol (†) noch die zugehörige Sternschlüsselnummer. Die Rubrik als Ganzes unterliegt nicht der Doppelklassifizierung, jedoch können einzelne darunter aufgeführte Bezeichnungen doppelt klassifiziert werden. In diesen Fällen sind die Bezeichnungen mit dem Symbol (†) und ihrer Stern-Schlüsselnummer gekennzeichnet, z. B.:

 

Beispiel 4

A54.8Sonstige Gonokokkeninfektionen
durch Gonokokken:
  • Peritonitis† (K67.1*)
  • Pneumonie† (J17.0*)
  • Sepsis
  • Hautläsionen

 

Die Kodes für Manifestationen, d.h. die Stern-Schlüsselnummern (*), können nicht als alleiniger Kode für die Hauptdiagnose verwendet werden, es sei denn eine spezielle Kodierrichtlinie schreibt etwas anderes vor.

d)

Wenn bei der Verschlüsselung der Diagnose die ICD-10-Verzeichnisse auf einen Stern-Kode (Manifestation) führen, dann muss anschließend die Ätiologie geklärt werden. Dazu sind in der Systematik und im Diagnosenthesaurus für viele Schlüsselnummern Hinweise aufgenommen worden (siehe Beispiel 5). Dabei können auch Schlüsselnummern zur Kodierung der Ätiologie benutzt werden, die in der ICD-Systematik keine Kreuz-Kodes sind. Auch sie werden in diesem Fall mit einem Kreuz (†) gekennzeichnet.

 

Beispiel 5

G63.3*Polyneuropathie bei sonstigen endokrinen und Stoffwechselkrankheiten (E00–E07†, E15–E16†, E20–E34†, E70–E89†)
Hier findet sich in der Systematik ein Hinweis auf mögliche Schlüsselnummern zur Kodierung der Ätiologie, und zwar mit einem † gekennzeichnet, obwohl diese Schlüsselnummern, wie z.B. E05.0 Hyperthyreose mit diffuser Struma, in der Systematik nicht als Kreuzkode definiert sind.

 

e)

An anderer Stelle (siehe Beispiel 6) fehlen Hinweise auf mögliche Schlüsselnummern zur Kodierung der Ätiologie. Hier ist dann vom behandelnden Arzt die zugrundeliegende Krankheit zu bestimmen.

 

Beispiel 6

J91*Pleuraerguss bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
Hier findet sich kein Hinweis auf entsprechende Kreuzkodes. Jede Schlüsselnummer, die die Ätiologie des Pleuraergusses kodiert, kann verwendet werden, wie z.B. C50.4 Bösartige Neubildung der Brustdrüse, oberer äußerer Quadrant, und wird mit einem Kreuz (†) gekennzeichnet.

 

2. Hinweise zur Doppelklassifizierung

Für bestimmte Situationen ist eine andere Form der Doppelklassifizierung als die des Kreuz-Stern-Systems anwendbar, um den Gesundheitszustand einer Person vollständig zu beschreiben. Der Hinweis im Systematischen Verzeichnis „Soll … angegeben werden, ist eine zusätzliche Schlüsselnummer zu benutzen“, kennzeichnet viele solcher Situationen (WHO).

Hier sind aufzuzählen:

  • Lokale Infektionen bei Zuständen, die den Kapiteln der „Organkrankheiten“ zuzuordnen sind. Schlüsselnummern des Kapitels I zur Identifizierung des Infektionserregers werden hinzugefügt, sofern dieser im Rubriktitel nicht enthalten ist. Am Ende von Kapitel I steht für diesen Zweck die Kategoriengruppe B95-B97 zur Verfügung (siehe Redaktionelle Hinweise, Tabelle 2).

  • Neubildungen mit funktioneller Aktivität. Eine geeignete Schlüsselnummer aus Kapitel IV kann zur Kennzeichnung der funktionellen Aktivität der jeweiligen Schlüsselnummer aus Kapitel II hinzugefügt werden.

  • Morphologie von Neubildungen. Obwohl der Morphologieschlüssel (siehe Band 1, Abschnitt „Morphologie der Neubildungen“) nicht Bestandteil der Hauptklassifikation ICD ist, kann er zur Kennzeichnung der Morphologie (Histologie) von Tumoren zusätzlich einer Schlüsselnummer von Kapitel II hinzugefügt werden.

  • Ergänzungen für Zustände, die Kapitel V, F00-F09 (Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen) betreffen. Die zugrundeliegende Krankheit, Verletzung oder andere Hirnschädigung kann durch Hinzufügen einer Schlüsselnummer aus einem anderen Kapitel angegeben werden.

  • Zwei Schlüsselnummern zur Beschreibung einer Verletzung, einer Vergiftung oder einer sonstigen Nebenwirkung. Zu einer Schlüsselnummer aus Kapitel XIX, die die Art der Verletzung beschreibt, kann auch eine Schlüsselnummer aus Kapitel XX für die Ursache zusätzlich angegeben werden.

 

Anmerkung: Sowohl die Kodes für die Morphologie von Neubildungen als auch die Kodes aus Kapitel XX sind für die DRG-Gruppierung nicht relevant.

Reihenfolge von Diagnoseschlüsseln bei Mehrfachkodierung

Nach den ICD-Regeln und den Kodierrichtlinien ist der mit einem Kreuz gekennzeichnete „Ätiologiekode“ stets vor den mit einem Stern gekennzeichneten „Manifestationskodes“ anzugeben (siehe DKR D012 Mehrfachkodierung). Das Gleiche gilt auch, wenn eine Diagnose, wie z.B. eine offene Fraktur, zusätzlich zum Fraktur-Kode mit einem weiteren Kode für die offene Verletzung (Ausrufezeichen-Kode) verschlüsselt werden muss.

ICD-Kodes ohne Kennzeichen oder mit einem Kreuz (Ätiologie, „†“) als Kennzeichen werden im folgenden als Primär-Diagnoseschlüssel bezeichnet, da diese alleine verwendet werden dürfen.

ICD-Kodes mit einem Stern (Manifestation, „*“) oder mit einem Ausrufezeichen (Sonstiges, „!“) als Kennzeichen werden im folgenden als Sekundär-Diagnoseschlüssel bezeichnet, da sie nie alleine verwendet werden dürfen, sondern nur in Kombination mit einem Primär-Kode.

Für die Reihenfolge der ICD-Kodes bei Mehrfachverschlüsselung mit Primär- und Sekundär-Diagnoseschlüssel gelten folgende Regeln:

  • Primär-Diagnoseschlüssel vor Sekundär-Diagnoseschlüssel

  • Ein Primär-Diagnoseschlüssel gilt für alle folgenden Sekundär-Diagnoseschlüssel bis zum Auftreten eines neuen Primär-Diagnoseschlüssels.

  • Eine Sekundär-Diagnoseschlüssel darf nie einem Sekundär-Diagnoseschlüssel zugeordnet werden. (D.h. ein Ausrufezeichenkode darf nie einem Sternkode zugeordnet werden und umgekehrt.)

Kreuz-Stern-System
In den Kodierrichtlinien, insbesondere in den Beispielen, sind die Diagnoseschlüssel gemäß obiger Regeln angeordnet.

Beispiel 7 (aus DKR 0401 Diabetes mellitus)

Ein Patient mit Diabetes Typ I mit peripheren vaskulären Komplikationen in Form einer Atherosklerose der Extremitätenarterien mit Ruheschmerz wird zur Bypass-Operation aufgenommen. Zusätzlich besteht eine Retinopathie mit erheblicher Einschränkung des Sehvermögens.

Hauptdiagnose:E10.50†Primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-IDiabetes] mit peripheren vaskulären Komplikationen, nicht als entgleist bezeichnet
Nebendiagnose(n):I79.2*Periphere Angiopathie bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
I70.22Atherosklerose der Extremitätenarterien mit Ruheschmerzen
E10.30†Diabetes mellitus mit Augenkomplikationen, nicht als entgleist bezeichnet
H36.0*Retinopathia diabetica

Hinweis: Der Kode I70.22 Atherosklerose der Extremitätenarterien mit Ruheschmerzen dient in diesem Beispiel zur näheren Spezifizierung der durch das Kreuz-Stern-System beschriebenen Diagnose. Er ist nicht als Hauptdiagnose anzugeben.

Das Beispiel 7 ist gemäß Datenübermittlungsvereinbarung nach § 301 SGB V für die Entlassungsanzeige in der Segmentgruppe SG 1 (ETL-NDG) wie folgt aufzubereiten (siehe auch Redaktionelle Hinweise):

Diagnosen
Primär-Diagnoseschlüssel
Sekundär-Diagnoseschlüssel
(Primär-Diagnose)
(Sekundär-Diagnose)
Hauptdiagnose
E10.50†
I79.2*
Nebendiagnose
I70.22
Nebendiagnose
E10.30†
H36.0*

 

Zur Reduktion des Dokumentationsaufwandes und zur Vereinfachung der Darstellung gilt weiter, dass ein Primär-Diagnoseschlüssel auch für mehrere aufeinanderfolgende Sekundär-Diagnoseschlüssel gelten kann. In diesem Fall wird er vor den Sekundär-Diagnoseschlüsseln angegeben und gilt für alle folgenden Sekundär-Diagnoseschlüssel bis zum Auftreten eines neuen Primär-Diagnoseschlüssel (siehe Beispiele 7 und 8).

Beispiel 8 (aus DKR 0401 Diabetes mellitus)

Ein Patient mit Diabetes Typ I mit multiplen Komplikationen in Form einer Atherosklerose der Extremitätenarterien, einer Retinopathie und einer Nephropathie wird wegen einer schweren Entgleisung der Stoffwechsellage aufgenommen.

Hauptdiagnose:E10.71†Primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-IDiabetes] mit multiplen Komplikationen, als entgleist bezeichnet
Nebendiagnose(n):I79.2*Periphere Angiopathie bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
H36.0*Retinopathia diabetica
N08.3*Glomeruläre Krankheiten bei Diabetes mellitus

Anmerkung: Der Kode E10.71 ist mit einem „†“ zu kennzeichnen, da er die Ätiologie der nachfolgenden Stern-Kodes (Manifestationen) kodiert. Gemäß den Regeln ist der „Ätiologiekode“ stets vor den „Manifestationskodes“ anzugeben. Gilt ein Ätiologiekode für mehrere Manifestationen, wie in diesem Beispiel, so gilt er für alle folgenden Stern-Kodes (Manifestationen) bis zum Auftreten eines neuen Kreuz-Kodes oder eines Kodes ohne Kennzeichen. Somit ist mit E10.71† die Ätiologie der Manifestationen I79.2*, H36.0* und N08.3* kodiert.

Das Beispiel 8 ist gemäß Datenübermittlungsvereinbarung nach § 301 SGB V für die Entlassungsanzeige in der Segmentgruppe SG 1 (ETL-NDG) wie folgt aufzubereiten (siehe auch Redaktionelle Hinweise):

Diagnosen
Primär-Diagnoseschlüssel
Sekundär-Diagnoseschlüssel
(Primär-Diagnose)
(Sekundär-Diagnose)
Hauptdiagnose
E10.71†
I79.2*
Nebendiagnose
E10.71†
H36.0*
Nebendiagnose
E10.71†
N08.3*

 

Ausrufezeichenkodes

Sowohl in der ICD-10-SGB-V als auch in der Datenübermittlungsvereinbarung nach § 301 SGB V werden die Ausrufezeichenkodes (z.B. S31.83!) als „optionale“ Schlüsselnummern bezeichnet. Mit Ausnahme der Kodes aus Kapitel XX (V99! bis Y84.9!) sind die Ausrufezeichenkodes für die in den Kodierrichtlinien dargestellten Situationen anzugeben (s.a. Redaktionelle Hinweise, Tabelle 2). Darüber hinaus können diese Ausrufezeichenkodes bei anderen Situationen angegeben werden, wenn dies aus klinischer Sicht sinnvoll ist.

Beispiel 9            (aus DKR 1903b Fraktur und Luxation)

Ein Patient kommt zur Behandlung einer offenen Humeruskopffraktur mit (offener) Schulterluxation nach vorne.

Hauptdiagnose:S42.21Fraktur eines sonstigen Mittelhandknochens, Schaft
Nebendiagnose(n):S41.81!Offene Wunde (jeder Teil der Schulter und des Oberarms) mit Verbindung zu einer Fraktur
S43.01Luxation des Humerus nach vorne

 

Das Beispiel 9 ist gemäß Datenübermittlungsvereinbarung nach § 301 SGB V für die Entlassungsanzeige in der Segmentgruppe SG 1 (ETL-NDG) wie folgt aufzubereiten (siehe auch Redaktionelle Hinweise):

Diagnosen
Primär-Diagnoseschlüssel
Sekundär-Diagnoseschlüssel
(Primär-Diagnose)
(Sekundär-Diagnose)
Hauptdiagnose
S42.21
S41.81!
Nebendiagnose
S43.01

 

Es kann vorkommen, dass ein Ausrufezeichenkode unter klinischen Aspekten mehreren Primär-Diagnoseschlüsseln zugeordnet werden kann (siehe Beispiel 10). In diesem Fall ist es notwendig den Sekundär-Diagnoseschlüssel einmal anzugeben und ihn ans Ende der Liste der zutreffenden Primär-Diagnoseschlüssel zu stellen.

Beispiel 10                    (aus DKR 1908a Offene intrathorakale/intraabdominelle Verletzungen)

Ein Patient wird mit offener Verletzung mit vollständiger Zerreißung des Nierenparenchyms und Milzriss mit Parenchymbeteiligung sowie kleinen Risswunden an mehreren Dünndarmabschnitten mit Heraustreten von Eingeweiden durch die Bauchwand aufgenommen.

Hauptdiagnose:S37.03Komplette Ruptur der Nierenparenchyms
Nebendiagnose(n):S36.03Rissverletzung der Milz mit Parenchymbeteiligung
S36.49Verletzung des Dünndarmes, sonstiger und mehrere Teile des Dünndarmes
S31.83!Offene Wunde (jeder Teil des Abdomens, der Lumbosakralgegend und des Beckens) mit Verbindung zu einer intraabdominalen Verletzung

 

Das Beispiel 10 ist gemäß Datenübermittlungsvereinbarung nach § 301 SGB V für die Entlassungsanzeige in der Segmentgruppe SG 1 (ETL-NDG) wie folgt aufzubereiten (siehe auch Redaktionelle Hinweise):

Diagnosen
Primär-Diagnoseschlüssel
Sekundär-Diagnoseschlüssel
(Primär-Diagnose)
(Sekundär-Diagnose)
Hauptdiagnose
S37.03
S31.83!
Nebendiagnose
S36.03
S31.83!
Nebendiagnose
S36.40
S31.83!