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Hypoglykämie: Tücken bei der Kodierung

Hypoglykämie

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Die Kodierung einer Hypoglykämie erscheint zunächst unproblematisch. Bei genauerem Hinsehen hat sie aber gewisse Tücken, die hier erläutert werden. MDK und FoKA werden von einem rezenten Gerichtsurteil widersprochen.

Definition der Hypoglykämie

Der Nüchtern-Blutzucker ist normal 60 – 110 mg/dl (3,3 – 6,1 mmol/l). Formal ist ein Wert < 60 mg/dl (< 3,3 mmol/l) eine Hypoglykämie. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) weist in ihrem Positionspapier darauf hin, dass bei einer Gewöhnung an hohen Zuckerwerten (Typ 2 Diabetiker!) Unterzuckerungs-Symptome schon bei normalen Werten (etwa 120 mg/dl) auftreten können.

In der Praxis dürfte es aber schwer sein, eine Hypoglykämie bei “normalen” Glukosewerten zu begründen.

Kodierung

Ein Diabetes mit einer Hypoglykämie ist grundsätzlich als entgleist anzusehen. Die einzige Ausnahme ist vielleicht die einmalige milde Hypoglykämie (Kriterium für “mild”: Der Patient konnte sich selbst ausreichend behandeln). Wenn die Aufnahme wegen der Hypoglykämie stattfand ist der (entgleiste) Diabetes immer die Hauptdiagnose.

Die Kodierrichtlinie 0401 beschreibt, dass der Diabetes Hauptdiagnose ist, “sofern die Grunderkrankung Diabetes mellitus behandelt wird“. Das ist bei der Behandlung einer Hypoglykämie immer der Fall. Es wird also nicht etwa E16.2 Hypoglykämie, nicht näher bezeichnet als Hauptdiagnose verschlüsselt!  Dazu die Kodierrichtlinie 0401:

Auszug aus DKR 0401 Diabetes – Quelle: InEK

Die korrekte Kodierung der Hypoglykämie wird durch den amtlichen Katalog ICD 10 vorgeschrieben:

Auszug aus der ICD-10 – Quelle: DIMDI

Beispiel

Ein Typ 1 Diabetes-Patient mit Insulinpumpe wird wegen einer schweren Hypo in delirantem Zustand aufgenommen. Er hatte schwere körperliche Arbeit verrichtet und die Insulindosis nicht ausreichend reduziert. Es wird nur die Unterzuckerung behandelt, die weitere Einstellung des Diabetes übernimmt der Patient mit seiner Pumpe selbst. Weitere Komplikationen des Diabetes sind nicht bekannt.

  • Hauptdiagnose: E11.61 Diabetes mellitus Typ 1 mit sonstigen näher bezeichneten Komplikationen – entgleist
  • Nebendiagnose: T38.3 Vergiftung durch Insulin und orale blutzuckersenkende Arzneimittel [Antidiabetika]

Die Nebendiagnose ist nur anzugeben, wenn eine versehentliche Insulin-Überdosierung klar darstellbar ist.

Durch Unterzuckerung zum komplizierten Diabetes?

Eine knifflige Frage, deren Brisanz erst klar wird, wenn man sich in einer betreffenden Situation befindet!

Frage

Eine Patientin wird wegen rezidivierende morgendliche symptomatische Hypoglykämien eingewiesen. Sie hat Typ 2 Diabetes (spritzt Insulin). Der Zucker wird neu eingestellt.

Welche Hauptdiagnose ist richtig?

  1. E11.61 Diabetes mellitus Typ 2 mit sonstigen näher bezeichneten Komplikationen, als entgleist bezeichnet oder
  2. E11.91 Diabetes mellitus Typ 2 ohne Komplikationen, als entgleist bezeichnet?

Ist die Hypoglykämie als Komplikation (und nicht nur als Entgleisung) zu kodieren oder nicht?

Der MDS (SEG-4) bestreitet in zwei Kodierempfehlungen (KDE 578 und 579), dass eine Hypoglykämie als Komplikation kodiert werden können soll. Das wird aus dem Wortlaut insbesondere von Beispiel 3 aus der DKR 0401 abgeleitet. Allerdings wird in dem Beispiel von einer “Entgleisung der Stoffwechsellage” und nicht von Hypoglykämie gesprochen. Es ist zu beachten, dass der FoKA den ersten KDE (578) konsentiert hat. Zu Unrecht, wie mir scheint.

Das sieht auch das LSG Baden Württemberg so. Laut einem Urteil (L 11 KR 1649/17 vom 25. Juni 2019) darf die Hypoglykämie als Komplikation des Diabetes betrachtet werden. Insofern wäre die Antwort auf die oben gestellte Frage: E11.61.

Es ist tatsächlich fraglich, ob die Kodierrichtlinie so gemeint war, aber eine buchstabengetreue Auslegung ist so tatsächlich korrekt. Sollte die Selbstverwaltung meinen, dass diese Interpretation nicht korrekt ist, muss sie die Richtlinie ändern.